Der SFB 1199 untersucht, wie sich Verräumlichungsprozesse unter Globalisierungsbedingungen wandeln und wie Akteur_innen unter diesen Bedingungen neue Raumformate hervorbringen und bestehende modifizieren sowie zu Raumordnungen integrieren. Um diese Transformationen beschreiben und erklären zu können, haben wir zunächst eine Begrifflichkeit entwickelt, welche uns die Unterscheidung erlaubt zwischen

  • den vielfältigen Verräumlichungen, die Ergebnis jeder Art von sozialer Interaktion sind;
  • Raumformaten, die durch die Merkmale (mindestens mittelfristiger) Verstetigung, Institutionalisierung, Performanz und intersubjektive Reflexion charakterisiert sind und sich in einer Praxis, die Imaginationen (Beschreibungen und Visualisierungen) einschließt, etablieren; sowie
  • Raumordnungen, die sich im Ergebnis von Aushandlungsprozessen aus der Kombination verschiedener Raumformate ergeben.

Diese Kategorien gestatten uns, eine Heuristik und eine Beschreibungssprache für zeitlich und räumlich weit auseinanderliegende Prozesse – die so unterschiedliche gesellschaftliche Felder wie Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Religion, Kulturindustrie, Gesundheit, Literatur, Wissenschaft, Konsum, Migration und Kriminalität betreffen – in einem interdisziplinären Ansatz zu beschreiben und zu erklären.

Der SFB kombiniert ein empirisch orientiertes, induktives Vorgehen mit einer konzeptionellen und systematischen Ausrichtung. In den Teilprojekten untersuchen wir eine möglichst große Zahl von Raumformaten in verschiedensten weltregionalen Kontexten und die Transformation von Raumordnungen über einen längeren historischen Zeitraum seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Dies ist die Voraussetzung, um die zwei Hauptziele des SFB zu erreichen:

  • eine systematische Beschreibung von Raumformaten und
  • die Entwicklung eines historischen Narratives darüber, wie sich Raumordnungen in verschiedenen Phasen der Neuverräumlichung der Welt wandeln.

Teilprojekte

A01 – Produktionswelten und Zirkulationswege der Massenkultur zwischen Europa und Nordamerika, 1830er–1930er Jahre

Das Projekt untersucht die Rolle der modernen Massenkultur in Neuverräumlichungsprozessen mit Schwerpunkt auf dem nordatlantischen Raum der 1830er bis 1930er Jahre. Kulturproduzent_innen bauten grenzüberschreitende Produktions- und Distributionsnetzwerke auf und stellten zugleich Imaginationen „der Welt“ zur öffentlichen Erfahrung und Reflexion dieser gesellschaftlichen Umbrüche bereit. Das Projekt kartiert unterschiedliche kulturwirtschaftliche Verflechtungen in einer Langzeitperspektive und trägt zu einer globalen Sozialgeschichte von Raumentrepreneur_innen im historischen Wandel der Raumordnung bei.

A02 – Standortentscheidungen innovativer Technologieunternehmen für ungewöhnliche Orte in Zentralasien und Afrika

Das Projekt untersucht Verräumlichungsprozesse, raumbezogene Praktiken und Netzwerke von international erfolgreichen Technologieunternehmen. Die empirischen Untersuchungen konzentrieren sich in 15 vergleichend auszuwertenden Einzelfallstudien auf ökonomische Akteur_innen als sozial handelnde und eingebettete Raumentrepreneur_innen an augenscheinlich ungewöhnlichen Orten, also in Ländern, die nicht primär als innovative Wirtschaftsnationen gelten, und an Orten, die nicht zu den großen, weltweit vernetzten Metropolen dieser Länder gehören.

A05 – Digitale Verwaltung und Neuverräumlichung des indischen Nationalstaates

Das Projekt untersucht die Rolle von Raumentrepreneur_innen für die räumlichen Folgen des Aufbaus einer digitalen Verwaltungsstruktur in Indien. Im Vergleich der drei Perspektiven auf Planung, Umsetzung und Aneignung digitalisierter Verwaltung beschreibt das Projekt systematisch den Wandel des Raumformats Nationalstaat und schafft damit ein theoretisches Verständnis der bisher wenig untersuchten Verräumlichungseffekte gegenwärtiger digitaler Infrastrukturprojekte.

A06 – Chinesische Ingenieure und ihre Raumvisionen: Erbauer einer vernetzten Nation, 1906–1937

Das Projekt untersucht Raumformatierungen Chinas anhand von Visionen und Plänen infrastruktureller Vernetzung. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von der Gründung des ersten Verkehrsministeriums 1906 bis zum Beginn des Zweiten Sino-Japanischen Kriegs 1937. Anhand akteursorientierter Analysen der beteiligten Ministerien, technischer Hochschulen und professionalisierter Ingenieursvereinigungen zeigen wir auf, wie sich unterschiedliche infrastrukturelle Visionen des Nationalstaats gegenseitig beeinflussen und eine maßgebliche Dimension der Territorialisierung des Raums darstellen.

A07 – „Freie Radikale“? Politische Mobilitäten und postkoloniale Verräumlichungsprozesse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Ausgehend von einem Verständnis von „Sozialismus“ als Vielzahl von spezifischen Neuverräumlichungsprojekten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts untersucht das Projekt anhand von Expert_innen für ländliche Entwicklung und antikolonialen Aktivist_innen die Zirkulationen sozialistischer Akteur_innen. Das Projekt fragt nach der raumproduzierenden Wirkung ihrer Mobilitäten, die von einer transregionalen politischen Agenda motiviert wurden. Ziel ist es zu klären, wie sie sich als Raumentrepreneur_innen an der Hervorbringung einer postkolonialen Raumordnung beteiligten.

B01 – Neuverräumlichung der Welt in der Entstehungsphase der Global Condition 1820–1914: Die Amerikas und das französische Empire

Das Projekt untersucht die Entwicklung globaler Raumordnungen im 19. Jh. mit besonderer Aufmerksamkeit für das Raumformat „Nationalstaat mit imperialem Ergänzungsraum“, das im späten 18. Jh. entstanden war. Es besteht aus zwei Fallstudien, die Frankreich und seine kolonialen Verflechtungen in Asien und Afrika sowie die USA in ihren Beziehungen zu Zentral- und Südamerika gewidmet sind. Damit beabsichtigt das Projekt (1) eine Nuancierung globalhistorischer Narrative, die oft ihren Fokus auf dem Britischen Empire haben; (2) eine Überprüfung der Periodisierungen für das Raumformat „Nationalstaat“ und (3) eine Untersuchung der Verbindungen des Raumformates „Nationalstaat mit imperialem Ergänzungsraum“ mit anderen Raumformaten unter Globalisierungsbedingungen.

B02 – Räumliche und zeitliche Begrenzungen des „Berliner Afrika“: zwischen Wirkungsverlust eines Raumformats und Auflösung einer kolonialen Raumordnung

Anhand der Geschichte des „Berliner Afrika“ verfolgt das Projekt die Entstehung, die Entwicklung und den Verfall einer global wirksamen kolonialen Raumordnung. Der Begriff verweist auf die Berliner Konferenz von 1884/85, wo eine Freihandelszone vereinbart und eine koloniale Raumordnung ausgelöst wurde. Wir haben rekonstruiert, wie das „Berliner Afrika“ über Jahrzehnte translokal und interimperial ausgehandelt wurde. Künftig konzentriert sich das Projekt auf die Limitierungen des „Berliner Afrika“, die ab den 1910er Jahren zunehmend sichtbar wurden. Der Beitrag zur Theoriebildung liegt in der Untersuchung der Auflösung einer Raumordnung sowie des Wirkungsverlusts eines Raumformats.

B03 – Sozialistische Entwicklungsmodelle für die „Dritte Welt“

Das Projekt untersucht Intentionen und Praktiken der Wirtschaftsbeziehungen zwischen europäischen RGW-Staaten und Ländern des Globalen Südens sowie des damit verbundenen Transfers des sozialistischen Entwicklungsmodells. Im Fokus stehen die Veränderungen dieses Modells, die sich aus der Krise des extensiven Wirtschaftswachstums in den europäischen RGW-Staaten, den spezifischen Bedingungen in den Ländern Afrikas und Asiens und den sich generell intensivierenden globalen Verflechtungen in den 1970er Jahren ergaben.

B05 – Grenzüberschreitende enzymatische Gefahren. Praktiken der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen

Das Projekt erforscht den gesellschaftlich-politischen Umgang mit der Entgrenzung gesundheitlicher bzw. enzymatischer Gefahren unter Globalisierungsbedingungen am Beispiel der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen (AMR). Ziel ist es dabei, transskalare Verschränkungen einhergehender gouvernementaler und biopolitischer Praktiken zu dekonstruieren. Hierzu nehmen zwei komplementäre Studien (1) Praktiken transnationaler Institutionalisierung und Regulierung sowie (2) diskursive Mechanismen der Verortung von AMR im Kontext eines globalen Medizintourismus in den Blick. Die empirischen Haupterhebungen finden in der EU sowie mit regionalem Schwerpunkt auf Indien statt.

B07 – Interregionalismus und Sicherheit im Sahel-Raum: Die Afrikanische Union, ECOWAS und die Europäische Union

Das Raumformat „Region“ bleibt im Zentrum der Arbeit des Projekts. In der zweiten Phase soll die komplexe Dreieckskooperation zwischen African Union, ECOWAS und der Europäischen Union im Feld der sicherheitspolitischen Beziehungen in der Sahel-Zone untersucht werden. Es geht also um die Praxis des Raumordnens als die Sichtbarmachung von „gültigen“ Raumformaten. Interregionalismus wird hierbei hypothetisch als eine Praxis der Verräumlichung verstanden, bei der konkrete Raumformate sichtbar gemacht und im Ergebnis komplexe Raumordnungen koproduziert werden.

B09 – Der „Eiserne Vorhang“ zwischen statischen Räumen und fließenden Netzen: Ausschluss und (Wieder-)Anschluss 1960–2010

Das Projekt untersucht am Beispiel des „Eisernen Vorhangs“ die Prozesse der Unterbrechung bzw. Wiederanknüpfung von infrastrukturellen Fließräumen für die Zeit zwischen 1960 und 2010. An Infrastrukturen angebunden bzw. davon abgehängt zu sein, ist für viele Raumentrepreneur_innen zu einem zentralen Bewegungsmotiv und zu einem politischen und sozialen Imperativ bei der Gestaltung ihrer Raumformate geworden. An dieser historisch ungewöhnlichen Versuchsanordnung soll die Eigenlogik von Anschlüssen und von Ausschlüssen erwogen und als Verräumlichungsprozess diskutiert werden.

C01 – Raumsemantiken der Geographie im 19. und 20. Jahrhundert

Das Projekt untersucht wissenschaftliche Zeitschriften der internationalen Geographie. Ziel ist zu zeigen, welchen Beitrag die zunehmend imaginationsgestützt konfigurierten geographischen Raumsemantiken im 19. und 20. Jahrhundert zur Herausbildung und Stabilisierung von Raumformaten sowie zum Wandel von Raumordnungen geleistet haben. Dazu bauen wir auf einem im Projekt entwickelten Kodierverfahren auf und beziehen Anwendungen der Digital Humanities mit in die Analyse ein. Damit kommen wir den transnational dominanten Modi von Verräumlichungen sowie deren area-spezifischen Kombinationen und Varianzen im zeitlichen Verlauf auf die Spur.

C02 – Imperialist Geographies: Der transpazifische und zirkumkaribische Raum in der Literatur der USA 1880–1940

Das Projekt thematisiert die Imagination von Raum in der US-amerikanischen Literatur vor dem Hintergrund des imperialen Ausgreifens der USA in den transpazifischen und zirkumkaribischen Raum im späten 19. und in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts. Es fokussiert auf diskursiv-literarische Verräumlichungsprozesse und die Rolle von Literatur in der Entstehung, Verbreitung, Performanz und (De-)Stabilisierung von Raumimaginationen und Raumformaten sowie als ideologiekritisches Instrument und Generator alternativer Raumvorstellungen.

C04 – Reimaginationen von Land und Landwirtschaft im Kontext der Digitalisierung

Das Projekt untersucht die Reimaginationen von Land und Landwirtschaft im Kontext der Digitalisierung. Es fokussiert insbesondere die Rolle, die digitalen Technologien bei der Konzeption von Landwirtschaft als alternativer Finanzanlageklasse zukommt. Das Projekt analysiert, wie Akteur_innen digitale Landwirtschaften diskursiv konstruieren und auf welche Weise digitale Technologien auf der Farmebene angewendet werden. Das Projekt fragt, wie sich digitale und nichtdigitale Elemente in Verräumlichungsbestrebungen verflechten und wie sich diese wiederum auf bestehende Raumformate wie die Warenkette oder den Nationalstaat beziehen.

C05 – Karten und Atlanten als Vermittler und Produzenten von Raum(wissen) unter Globalisierungsbedingungen

Das Projekt untersucht Karten und Atlanten als wirkungsvolle Medien zur Imagination von Raumbildern. Wir fragen nach der Vermittlung von Raumwissen unter der Bedingung von Globalität (global condition). Uns interessieren Prozesse der Standardisierung bei der visuellen Darstellung wie auch bei der Formatierung sowie der Vorstellung von Räumen in verschiedenen Gesellschaften. Dazu untersuchen wir „Kartensprachen“, Aufbauprinzipien von Atlanten, die transnationale Angleichung der Ausbildungsziele von Kartograph_innen sowie die internationalen Netzwerke von Atlasschaffenden. Für die zweite Phase nehmen wir den Aspekt der digitalen Transformation der Gesellschaft hinzu.

C06 – „Off the Grid“: Infrastrukturen, Verräumlichungsprozesse und Drohnen in Afrika

Ausgehend von den sich rasant ausbreitenden zivilen Nutzungen von Drohnen fragt das Projekt nach den Handlungsräumen, die durch Entwicklung, Einsatz und praktische Aneignung neuer technischer Infrastrukturen in Afrika entstehen, nach deren gesellschaftlichen Konsequenzen sowie nach den Raumformaten, die dabei in Anspruch genommen, angeeignet und ggf. verändert werden. Drohnen sind komplexe technische Systeme, die territorialisierte und nichtterritoriale Raumformate miteinander verknüpfen. Dies geschieht in hohem Maße durch die technisch neuartige visuelle Erschließung von Räumen, wodurch neue Bausteine und Methoden von Raumimaginationen bereitgestellt werden.

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