Projektbeschreibung

Über das Projekt

Die Welt wurde in den letzten 30 Jahren besonders intensiv vernetzt und durch die Mobilität von Menschen, Gütern, Kapital und kulturelle Muster, aber auch Viren „globalisiert“. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Wissensproduktion über eben jene Welt und ihre globalen Zusammenhänge. Das Forschungsprojekt „Die Produktion von Weltwissen im Umbruch“ untersucht diese Auswirkungen mit Blick auf die neu entstehenden Wissensfelder der “Transregional Studies“, „Comparative Area Studies“ und „Global Studies”.

Projektleitung

Prof. Dr. Matthias Middell

Prof. Dr. Matthias Middell

Institutsgebäude
Emil-Fuchs-Straße 1
04105 Leipzig

Telefon: +49 341 97 - 30040
Telefax: +49 341 97 - 31130040

Projektbearbeitung

Dr. Carolina Rozo Higuera

Dr. Carolina Rozo Higuera

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Leipzig Research Centre Global Dynamics (ReCentGlobe)
Strohsackpassage
Nikolaistraße 10, Raum 4.05
04109 Leipzig

Telefon: +49 341 97 - 37846

Sprechzeiten
Die Produktion von Weltwissen im Umbruch

Dr. Kathleen Schlütter

Dr. Kathleen Schlütter

Wiss. Mitarbeiterin

Leipzig Research Centre Global Dynamics (ReCentGlobe)
Strohsackpassage
Nikolaistraße 10, Raum 4.05
04109 Leipzig

Telefon: +49 341 97 - 37846

Sprechzeiten
Die Produktion von Weltwissen im Umbruch

Hintergrund

Mitte der 2000er Jahre diagnostizierten wissenschaftliche Akteure und staatliche Gremien in Deutschland ernsthafte strukturelle Defizite in den deutschen Regionalstudien, durch die ein nachhaltiger Verlust regionalwissenschaftlicher Expertise in Deutschland drohe. Empfohlen wurde insbesondere die Gründung disziplinenübergreifender, größerer und damit sichtbarerer Forschungszentren mit regionalem Schwerpunkt (siehe z.B.: Lackner et al. 1999; Wissenschaftsrat 2006a, 2006b; Freiburger Memorandum zur Zukunft der Regionalstudien in Deutschland am Beispiel ausgewählter Weltregionen 2005). Der Bund folgte den Empfehlungen und engagierte sich ab 2009 mit neuen Förderinitiativen für die Etablierung solcher Zentren und ähnlich ausgerichteter Netzwerke.

Die Ursachen der Krise waren nicht nur finanzieller oder struktureller Natur, sondern erklären sich vielmehr aus der Geschichte der betroffenen Forschungsfelder heraus. So wurde in den westeuropäischen Ländern traditionell alles Außereuropäische und später alles „Nicht-westliche“ in auf spezifische Regionen ausgerichteten Fächern erforscht. Bezeichnungen wie Afrikanistik, Orientalistik, Lateinamerika-Studien, Osteuropa-Studien oder Südostasien-Studien zeugen von dieser Wissensordnung. Sie entstanden in Europa als eigene Fächer im ausgehenden 18. Jahrhundert und spiegelten – wie alle wissenschaftlichen Disziplinen – das politische und gesellschaftliche Interesse ihrer Zeit wider. Die jeweiligen Regionen waren dabei in der Regel nur mit vergleichsweise hohem Aufwand erreichbar, was es leichter machte, sie als anders oder fremd wahrzunehmen. Zudem wurden die Regionalstudien als eine Art empirischer Zulieferer für die sogenannten Kerndisziplinen wie Geschichte, Soziologie oder Wirtschaftswissenschaften verstanden, deren spezifischer theoretischer Beitrag eher marginal erschien. Dem gegenüber sahen sich die Kerndisziplinen oft als die Fächer mit universellen und von räumlichen Zusammenhängen scheinbar losgelösten Forschungsfragen. Zweifel an den primär auf europäisch-westlichen Beobachtungen und Erfahrungen beruhenden Kategorien dieses Universalismus lassen sich allerdings als Unterströmung auch schon seit dem 18. Jahrhundert feststellen.

Dieses historisch gewachsene Verständnis von Regionalstudien und Kerndisziplinen musste ins Wanken geraten, je näher „die Welt“ im täglichen Erleben rückte. Spätestens ab dem Ende des Kalten Krieges und der damit einhergehenden Beschleunigung globaler Prozesse stellte sich mit zunehmender Dringlichkeit die Frage, ob wir in Deutschland, wie im Westen generell, noch Wissen anstreben, das wir in der im Entstehen begriffenen multipolaren Weltordnung brauchen werden. Die althergebrachte Einteilung der Welt in Nordamerika und Europa als den unbestrittenen wissenschaftlichen Zentren auf der einen Seite und dem Rest der Welt, der erforscht wird und/oder von Nordamerika und Europa lernen kann, auf der anderen Seite, erwies sich zunehmend als das, was sie schon immer war: eine eurozentristische Sichtweise.

Gleichzeitig veränderte sich die Wissenschaft in Gänze unter dem Einfluss globaler Prozesse: Schon seit den 1980er Jahren und mit zunehmendem Tempo ab den 1990er Jahren wuchs die Anzahl internationaler Forschungs- und Lehrkooperationen und eine stetig wachsende Zahl von Studierenden und Forschenden nutzte neue Möglichkeiten zur akademischen Mobilität. Mit der wachsenden Leistungsfähigkeit des Internets und digitaler Technologien erlangten zudem Rankings, Publikationsdatenbanken und Indikatoren zur (scheinbar objektiven) Vergleichbarkeit wissenschaftlicher Leistung immer größere Bedeutung. Aufgrund der großen Reputation der anglo-amerikanischen Hochschulsysteme existiert jedoch ein erheblicher Bias zugunsten englischsprachiger Publikations- und Reputationssysteme.

 

Forschungsfragen

Das Forschungsprojekt widmet sich der Frage, wie sich Forschungsthemen und die Struktur der Disziplinen der deutschen Area Studies in Deutschland seit der Krisendiagnose Mitte der 2000er Jahre und der nachfolgenden Bundesförderung verändert haben. In welchem Ausmaß wurden die gewünschten Ziele von mehr Sichtbarkeit sowie interdisziplinärer und fakultätsübergreifender Zusammenarbeit erreicht?

Hinzu kommen in jüngerer Zeit drei große Herausforderungen, die auch für die Area Studies und damit das Weltwissen-Projekt zusätzliche Forschungsfragen aufwerfen:

  1. In den Sozial- und Geisteswissenschaften wird an vielen Stellen an der Überwindung des de facto eurozentrischen Universalismus (ebenso wie vergleichbare Zentrismen in anderen Weltgegenden) und den Asymmetrien in der globalen Wissensproduktion gearbeitet. Gleichzeitig gibt es deutliche Anzeichen, dass die Marginalisierung nicht-westlichen Wissens dennoch eher noch zugenommen hat.
  2. Der Klimawandel und knapper werdende Ressourcen zeigen die Notwendigkeit einer stärkeren Zusammenarbeit von Natur- und Geisteswissenschaften auf und es ist insgesamt ein Trend hin zu „Natur“ als Forschungsgegenstand zu beobachten.
  3. Digitalisierung, Datenproduktion und künstliche Intelligenz verlangen auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften nach neuen Wegen des Umgangs mit Daten in Bezug auf Erhebung, Archivierung, Austausch und Zusammenarbeit.

 

Vorgehen

Unsere Studie zielt auf die Erfassung des Zustandes und der Entwicklung eines Wissensfeldes in Transformation (s.a. Middell 2013; Mielke und Hornidge 2017). Sie deckt den Zeitraum seit den frühen 2000er Jahren ab, den wir in drei Perioden unterteilt untersuchen: Wir untersuchen drei Zeitspannen, zunächst die Phase der Krisendebatte, dann die Periode des neuen Förderschemas und schließlich die Periode der fortgesetzten, aber heterogeneren Förderung: 2003-2008; 2009-2017; 2018- 2025.

Wir erarbeiten dafür in einem ersten Schritt eine Übersicht der institutionellen und personellen Landschaft sowie den Verbindungen deutscher Einrichtungen zu anderen Teilen der Welt. Dafür führen wir eine breite Datenerhebung und -auswertung durch und nutzen Quellen wie Jahresberichte, Tagungen oder Onlineauftritte. Den oben beschriebenen veränderten Rahmenbedingungen tragen wir Rechnung, indem wir anstreben, den „intellektuellen Output“ der in Deutschland angesiedelten Area Studies im breiten Sinne bibliometrisch zu erfassen: Monographien, Sammelbände, Zeitschriften, Working Papers … Mit entsprechenden Visualisierung werden wir das Forschungsfeld in seiner Leistungsfähigkeit und seinen Vernetzungen kartographieren. Zudem planen wir Fokusgruppen-Interviews. Unsere Ergebnisse stellen wir innerhalb der Fachcommunity zur Diskussion.

In einem weiteren, zweiten Schritt erweitern wir unsere Analyse um die internationale Wissensproduktion über transregionale Prozesse und globale Herausforderungen. Hierfür planen wir ein Mapping der mit anderen Weltregionen befassten Einrichtungen weltweit, eine Datenerhebung ihrer Publikations- und Tagungstätigkeiten, eine Auswertung ihres konzeptionellen Vokabulars und ein Abgleichen mit den Erhebungen internationaler Organisationen (International Council for the Social Sciences; International Council for Philosophy and the Humanities).

 

Ziel

Im Ergebnis werden sich einerseits jene intellektuellen und institutionellen Entwicklungen zeigen, die von Deutschland aus angestoßen wurden oder – dank Vernetzung – zu Quellen der Inspiration für das deutsche Wissenschaftssystem wurden. Andererseits wollen wir auch jene Entwicklungen sichtbar machen, die sich außerhalb dieses Netzwerkes abspielen und gegebenenfalls für die künftige Entwicklung beachtet werden müssten. Die erhobenen Datensätze werden bei Publikationen der Projektergebnisse (im Sinne einer Überprüfbarkeit im Review-Prozess) mitgeteilt und mit Projektabschluss (im Sinne einer open data policy) zugänglich gemacht.

Für den gesamten Forschungsprozesses planen wir eine breit angelegte Wissenschaftskommunikation, die sowohl die verschiedensten gesellschaftlichen Akteure anvisiert als auch der Vernetzung der untersuchten Einrichtungen dient.

 

Literaturverzeichnis

  • Freiburger Memorandum zur Zukunft der Regionalstudien in Deutschland am Beispiel ausgewählter Weltregionen (2005). www.wiko-berlin.de/institution/projekte-kooperationen/projekte/archiv/wege-des-wissens-transregionale-studien/schwerpunkt-area-studies/freiburger-tagungsbericht (19.07.2022).
  • Lackner, Michael; Werner, Michael: Area Studies im Auf- und Abwind des Kulturalismus? Werner Reimers Stiftung. Bad Homburg (Areas and Disciplines, 1). perspectivia.net/receive/pnet_mods_00000489 (05.09.2022).
  • Middell, Matthias (2013): Area Studies under the Global Condition Debates on Where to Go with Regional or Area Studies in Germany. In: Matthias Middell (Hg.): Self-reflexive Area Studies: Leipziger Universitätsverlag (Global History and International Studies, 5), 7-57.
  • Mielke, Katja; Hornidge, Anna-Katharina (Hg.) (2017): Area Studies at the Crossroads. New York: Palgrave Macmillan US.
  • Wissenschaftsrat (2006a): Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland (Drs. 7068-06). Mainz.
  • Wissenschaftsrat (2006b): Empfehlungen zu den Regionalstudien (area studies) in den Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen (Drs. 7381-06). Mainz.