Nachricht vom

Im vergangenen Jahr fragte die Jahrestagung des ReCentGlobe vor dem Hintergrund sich verdichtender globaler Krisen danach, ob sich der Rahmen für gesellschaftliche Transformationen grundsätzlich verschiebt. Auch der Beginn des Jahres 2023 steht im Zeichen politischer, ökologischer, sozialer und ökonomischer Krisen von globalem Ausmaß. Wir wollen mit der 3. Jahrestagung des Research Centre Global Dynamics die Wechselwirkungen zwischen solchen Krisen und epistemischen Fragmentierungen zum Gegenstand machen. Mit epistemischen Fragmentierungen adressieren wir fundamentale Infragestellungen etablierter Weltdeutungen, Wissens- und Werteordnungen.

Krisendeutungen bauen auf dem Fundament umfassender Weltdeutungen, Wissens- und Werteordnungen auf, die wir als Episteme bezeichnen wollen. Diese sind oft aus partikularen Perspektiven heraus formuliert, treten aber gleichwohl mit universalem Geltungsanspruch auf. Subjektiv empfundene und dann von politischen Akteur:innen und Medien postulierte Krisenkumulation hat zusammen mit konkurrierenden Krisendeutungen häufig eine Meta-Krise ausgelöst: eine epistemische Krise.

Die epistemische Krise der Gegenwart wird dadurch verschärft, dass sich durch mediale Ausdifferenzierung, Migration, religiöse und kulturelle Pluralisierung und sich wandelnde Wissenskulturen die Diversifikation der Werteordnungen innerhalb begrenzter Territorien radikal beschleunigt. Dabei führt das Nebeneinander fundamental verschiedener Erzählungen zur Herausbildung epistemischer Milieus mit eingeschränkter wechselseitiger Kommunikationsfähigkeit. Gleichzeitig vernetzen sich im digitalen Zeitalter diese Milieus zunehmend transregional oder sogar global und verbreiten dadurch ihre Erzählungen, nicht zuletzt auch in Form von Verschwörungstheorien. Gesamtgesellschaftlich verbindliche Plausibilitätsstrukturen erodieren dabei ebenso wie die epistemische Autorität von Wissenschaft, Medien und Politik. Da gerade die Hyperkomplexität der durch solche multiplen Krisen gekennzeichneten modernen Welt den Bedarf an kognitiver und normativer Orientierung steigert, scheinen ausgerechnet solche Deutungsangebote besonders erfolgreich zu sein, die einfache, monokausale Erklärungen für die Ursachen der Krisen anbieten, um kognitive Dissonanzen zu vermeiden.

Durch digitale Kommunikation werden lokale Diversifikation und globale Diffusion konkurrierender Episteme radikal beschleunigt. Dies markiert eine neue globale Dynamik, die uns die Gegenwart umso mehr als critical juncture erscheinen lässt. Globale Krisen und epistemische Fragmentierung beschleunigen sich gegenseitig.

Auch wenn Reichweite und Geschwindigkeit der Verbreitung konkurrierender Episteme sich massiv gesteigert haben, ist das oft bemühte Gegenbild einer vormodernen epistemischen Homogenität kaum haltbar. Krisenbewusstsein gehörte schon immer und überall zu den menschlichen Grunderfahrungen. Religiöse Orden, Bruderschaften und Sekten sind beispielsweise auf allen Kontinenten als Reaktion auf multiple Krisen entstanden. Inwiefern man unterhalb von kosmologischen Grundannahmen über oft starre soziale Statusgrenzen hinweg überhaupt von übergreifenden gemeinsamen Wissens- und Werteordnungen sprechen kann und konnte, wäre ebenfalls im Detail zu untersuchen.

Nicht zuletzt erweist sich aus einer globalen Perspektive auch die mit universalem Geltungsanspruch selbstgewiss verbreitete Wissens- und Werteordnung des „Westens“ als eine besondere Episteme, die mit anderen konkurriert.

Wir laden zu Vorschlägen für Panel ein, die die wechselseitige Beziehung von sozialen, ökonomischen, politischen oder ökologischen Krisen und epistemischen Fragmentierungen in Gegenwart und Vergangenheit untersuchen. Mögliche Fragestellungen in diesem Zusammenhang wären:

  • Wie beeinfluss(t)en sich krisenhafte Ereignisse, ihre Wahrnehmung und Deutung in verschiedenen Regionen der Welt in Vergangenheit und Gegenwart gegenseitig?
  • Welche epistemischen Milieus mit ihren Akteur:innen, Interessen und strategischen Allianzen lassen sich identifizieren? Was sind ihre Hierarchien, Entstehungsbedingungen und die zugrundeliegenden Abgrenzungsmechanismen?
  • Unter welchen Bedingungen treten umfassende und dauerhafte Paradigmenwechsel ein, die den Umsturz einer gegebenen (epistemischen) Ordnung zur Folge haben.
  • Lassen sich im historischen Vergleich Parallelen zwischen unserer Gegenwart und epistemischen und sozialen Umbrüchen der Vergangenheit (Reformation, Aufklärung, Imperialismus, Kolonialismus) identifizieren?

Panels sind mit einer Länge von zwei Stunden vorgesehen und sollten deshalb drei bis max. vier Beiträge umfassen, evtl. ergänzt um einen Kommentar. Die Zusammensetzung der Panels soll so weit wie möglich die verschiedenen Aspekte von Diversität berücksichtigen, darunter die nach Geschlechtern, nach disziplinären Hintergründen und Perspektiven auf den Gegenstand.

Deadline: 10. Februar 2023

Panelvorschläge richten Sie bitte an miriam.meinekat(at)uni-leipzig.de