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Friedrich Ammermann ist seit einigen Monaten neu am ReCentGlobe. Schon in seinem Dissertationsprojekt am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz hat er sich mit Fragen der Infrastruktur- und Technikgeschichte befasst – damals am Beispiel der Kap-Kairo-Bahn als koloniales Großprojekt im südlichen Afrika. Nun wendet sich der Historiker einem neuen Thema zu, das geografisch deutlich näher liegt: Er erforscht die Transformation ostdeutscher Bergbaufolgelandschaften in den 1990er Jahren am Beispiel des Cospudener Sees bei Leipzig. Was beide Projekte verbindet, ist die zentrale Frage nach lokaler Handlungsmacht: Konnten die Menschen, die von massiven Veränderungen ihrer unmittelbaren Umgebung betroffen waren, diese auch selbst mitgestalten?
Wir haben mit Friedrich Ammermann in unserer neuen Reihe "Hub ● Encounters" gesprochen, in der wir neuen und bekannten Mitgliedern und Gästen des ReCentGlobe begegnen und über ihre Forschung, Perspektiven und akademischen Lebenswege ins Gespräch kommen.

Herr Dr. Ammermann, herzlich Willkommen am ReCentGlobe! Stellen Sie sich doch mal in drei Sätzen vor.

A: Vielen Dank für diese Gelegenheit. Mein Name ist Friedrich Ammermann, ich bin Historiker, habe 2024 am Europäischen Hochschulinstitut (EUI) in Florenz zur Geschichte der Kap-Kairo-Bahn promoviert. Seit dem Master in Global History in Berlin habe ich mich auf die Kolonialgeschichte des Südlichen Afrika spezialisiert; den Aufenthalt in Leipzig nutze ich nun, um mein neues Forschungsprojekt zu deutschen Bergbaufolgelandschaften zu entwickeln. Da ich in Leipzig zur Schule gegangen bin, ist mein Gastaufenthalt hier am ReCentGlobe auch wie ein kleines Nachhausekommen und ich freue mich sehr auf die Zeit hier. 

 

In Ihrer Dissertation befassten Sie sich mit der Kap-Kairo-Bahn als imperialem Infrastrukturprojekt – generell lag der Fokus Ihrer Forschung zuletzt auf der Infrastruktur- und Technikgeschichte in Afrika. Worum ging es genau und was hat Sie an dem Forschungsfeld besonders interessiert?

A: Ausgehend von neuer Forschung zu kolonialen Infrastrukturen, die vor allem lokale Aneignungen und ‚agency‘ fokussiert, und damit Grenzen kolonialer Kontrolle aufzeigt, hat mich der Widerspruch aus größtmöglichem Anspruch (Kap-Kairo!) und der Frage nach eigentlichen lokalen Nutzungen besonders interessiert. Meine Hoffnung war, eine „Gegengeschichte“ von lokaler Aneignung durch die afrikanische Bevölkerung zu erzählen, die das gängige Bild kolonialer Eisenbahnen und der Kap-Kairo-Bahn im Besonderen unterläuft. Ein wesentlicher Punkt war hierfür, den Untersuchungszeitraum über die Bauphase hinaus auf den Betrieb der gebauten Eisenbahnen zu erweitern. Meine Recherchen in verschiedenen Archiven in Simbabwe, Sambia, Botsuana und England haben jedoch ein noch vielschichtigeres Bild ergeben. Anhand von sieben Kategorien (‚Control‘, ‚Money & Maintenance‘, ‚Race & Gender‘ und ‚Borders & Polities‘) habe ich daher eine Geschichte der Eisenbahnnutzungen zwischen 1889 und 1967 geschrieben, die nuanciert die Handlungsspielräume verschiedener Gruppen von Eisenbahn-Nutzenden (‚Owners‘, ‚Operators‘, ‚Workers‘, ‚Customers‘) nachzeichnet. Dabei konnte ich zeigen, dass die realisierten Teile der Kap-Kairo-Bahn durchaus Instrumente der kolonialen Beherrschung waren, die Eisenbahn jedoch stets umstritten war – sowohl zwischen imperialen Akteuren wie der privaten British South Africa Company, den Siedlern und dem britischen Colonial Office, als auch von afrikanischen (und indischen) Nutzenden und Arbeitern. Infrastruktur erfüllt demnach nicht durch ihre bloße Existenz (politische) Zwecke, sondern wird von den Nutzer*innen bestimmt.

 

In Ihrem neuen Projekt „In Kohle schwimmen“ am Beispiel des Cospudener Sees arbeiten Sie zur Transformation ostdeutscher Bergbaufolgelandschaften. Das klingt –oberflächlich betrachtet– nach einem relativ harten Themenwechsel. Ist das tatsächlich so und wie kam es dazu? – oder gibt es inhaltliche Überschneidungen, die auf den ersten Blick nicht auffallen? 

A: Tatsächlich hatte ich Lust – und das ist nach traditionellen Konventionen der deutschen Geschichtswissenschaft auch üblich – mich thematisch zu verbreitern. Ich wollte dazuhin mal mit einer anderen Quellenlage arbeiten, wie Interviews mit handelnden Personen, während ich für meine Dissertation vor allem auf die (durchaus problematische) Überlieferung in kolonialen Archiven angewiesen war.  Jedoch gibt es natürlich einen Zusammenhang der Themen, die Idee der Infrastrukturen. 
Die Idee kam mir beim Baden im Cospudener See bei Leipzig, einem der zahlreichen Seen, die nach dem Ende des Kohleabbaus gestaltet wurden. Angesichts der dramatischen Verbesserung der ökologischen Lebensbedingungen einerseits und des großflächigen Verlusts identitätsstiftender Arbeitsplätze andererseits fragte ich mich, inwiefern die Menschen vor Ort die Zeit der 1990er daher als Demokratisierung und Zeit der Mitbestimmung oder doch eher des Verlusts erlebt haben. 

 

Was interessiert Sie besonders an dieser Transformationsgeschichte? Worauf ist Ihre Forschungsfrage angelegt?

A: Auch hier gibt es einen Anknüpfungspunkt an meine Dissertation: Mich interessiert besonders die Frage, inwiefern Menschen, die von der großflächigen Umgestaltung ihrer unmittelbaren Umgebung betroffen waren, diese auch selbst mitgestalten konnten. Ich glaube, dass die Transformationszeit der 1990er essenziell ist, um die heutigen, anhaltenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Ost und West zu verstehen. Da die 1990er bald 30 Jahre zurückliegen, rücken sie zunehmend in den Fokus auch von Historiker*Innen. Die Umgestaltung der Landschaft im ländlichen Raum erlaubt meiner Meinung nach nuancierte Einblicke in die Handlungsspielräume verschiedener Akteur*innen in den 1990ern: lokaler Anwohnenden, Raumplaner*innen, Umweltgruppen, Politiker*innen sowie Unternehmen.  Dafür möchte ich mit möglichst verschiedenen Beteiligten sprechen. Da ich noch am Anfang meiner Forschung stehe, habe ich noch nicht begonnen systematisch Zeitzeug*innen zu interviewen und bin daher über jeden Hinweis dankbar.

 

Sie forschen genau an der Schnittstelle der Research Areas 1, 2 und 4. Suchen Sie noch nach Kooperationspartnern oder haben Sie Ideen, das Vorhaben künftig mit anderen Forschenden weiterzuentwickeln?

A: Das Zusammenbringen und Vernetzen verschiedener Fachgebiete und Institutionen rund um das Thema Globalisierung ist eine große Stärke des ReCentGlobe wie ich es wahrnehme. Ich hoffe daher auf regen Austausch mit den Kolleg*innen aus den verschiedenen Research Areas. Da ich derzeit nach einer längerfristigen Anbindung meines neuen Forschungsprojekts suche, bin ich natürlich auch sehr interessiert an Kooperationen und gemeinsamen Projekten. Außerdem möchte ich die Gelegenheit nutzen, mein Forschungsthema gewissermaßen vor der Haustür zu haben, um mich auch mit lokalen und regionalen Projekten zu vernetzen und meine Forschungsergebnisse so gegebenenfalls auch jenseits der Universität nutzbar zu machen.

 

Die Fertigstellung des Global Hub als neue Nahtstelle der Leipziger Globalisierungsforschung rückt näher. Welches Zeichen setzt das Gebäude am Wilhelm-Leuschner-Platz in Ihren Augen für die Wissenschaftsgemeinschaft und darüber hinaus?

A: Hier würde ich vor allem als lokaler Anwohnender antworten. Als ich zur Schule gegangen bin, war der Leuschi vor allem ein wichtiger Umstiegspunkt und sonst eine Ödfläche. Daher freue ich mich, dass der Ort nun vom Verkehrs- auch zum Wissensknotenpunkt für Fachleute und Laien werden soll. Damit fügt sich der Global Hub ein in die rasante Entwicklung der Stadt, seit ich 2011 weggezogen bin. In diese Zeit fällt auch, zumindest in meiner Wahrnehmung, ein Wandel der Hoffnungen und Erwartungen, die mit Globalisierung verknüpft werden. So hat sich ja auch der Fokus der Globalgeschichte in den letzten Jahren von Verbindungen zu Disruptionen, und vom Globalen Norden in den Globalen Süden mindestens erweitert. Nicht zuletzt haben wir als Globalgeschichtsseminar des EUI in einem Aufsatz für eine fair(er)e und vielstimmigere Globalgeschichte geworben. Deshalb begrüße ich besonders, dass neben dem ReCentGlobe als Nutzerin auch zum Beispiel das Institut für Afrikastudien einzieht, an dem ich zuletzt als Lehrbeauftragter beschäftigt war.  Durch das Zusammenführen verschiedener Ressourcen, Fachgebiete und Expertisen setzt der Global Hub meiner Meinung nach ein positives Zeichen, dass eine heterogene Globalisierungsforschung wichtig ist und bleibt.